Neues Angebot: Segeltherapie
Wie therapeutisches Segeln bei Depressionen hilft
In diesem Frühling hat die Klinik Meissenberg mit der Segeltherapie ein neues Angebot für depressive Patientinnen der Privatabteilung Paracelsus lanciert: Zweimal im Monat können sie einen Nachmittag auf dem Wasser verbringen und dabei erleben, wie Wind und Wellen der Psyche guttun.
Hinweis zu den Bildern: Die Patientinnen wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte unkenntlich gemacht.
Stahlblauer Himmel, die Sonne lacht und eine leichte Brise weht über den Zugersee. An diesem Nachmittag Ende Mai trifft sich eine fröhliche Schar junger Frauen am Bootshafen Zug. Die Vorfreude auf den bevorstehenden Segeltörn ist allen anzumerken.
Was die heitere Szenerie allerdings nicht erahnen lässt: Der Segelausflug ist kein gewöhnlicher Plausch auf dem Wasser, an dem die Teilnehmerinnen für ein paar Stunden unbeschwert Sonne und See geniessen. Vielmehr finden die nächsten Stunden auf der Segeljacht im Rahmen eines neuen Therapieprogramms statt: Seit diesem Frühling bietet die Klinik Meissenberg exklusiv für depressive Patientinnen der Privatabteilung Paracelsus Segeltherapien an.
Tiefenentspannt dank Segeltherapie
«Bereits vor vielen Jahren habe ich Segeln als Teil der Therapie an einer anderen Institution eingeführt und war sehr berührt, welchen positiven Effekt es auf die Patienten hatte», erklärt die Chefärztin der Klinik Meissenberg, Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi. «Unter anderem musste weniger Medikation zum Einschlafen gegeben werden, weil die Patienten nach dem Segeln so tiefenentspannt waren. Ausserdem waren die Patienten deutlich in ihrer Stimmung aufgehellt.»
Das neue Sporttherapieangebot richtet sich an Patientinnen der Privatstation Paracelsus, die an einer Depression leiden, keine Angst vor dem Wasser haben und schwimmen können. Die Segeltherapie ist ein ganzheitlicher, gruppentherapeutischer Event, der die Teilnehmerinnen in Berührung mit den Elementen Wasser und Luft bringt. Zudem sei man an der Sonne, was fürs Immunsystem sehr wichtig sei, meint die ärztliche Direktorin. Und: «Segeln aktiviert, und Aktivierung ist ein ganz wichtiger Wirkfaktor in der Depressionsbehandlung.» Ausserdem werde vor und nach der Segeltherapie eine Messung der Depressionsschwere durchgeführt, um die Veränderung der Depressions-Scores zu erkennen.
Skipper mit Zusatzaufgaben
Seit April sind die Patientinnen zweimal pro Monat für jeweils einen Nachmittag auf dem Wasser. Bei der Segeltherapie sind vier Patientinnen an Bord, begleitet werden sie von einer Fachpflegeperson – und natürlich von einem erfahrenen Skipper. Abgesehen von den segeltechnischen Fähigkeiten gehe es für den Skipper auch darum, auf die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen einzugehen, die teilweise noch nie gesegelt sind. «Er muss ihnen Vertrauen und Sicherheit vermitteln, Ruhe ausstrahlen und jederzeit wissen, was er macht und wieso er es macht und dies auch erklären können», fasst Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi das Anforderungsprofil zusammen. Für das neue Therapiesegeln hat die Klinik Meissenberg mit Gianpietro und Lino Cerletti sogar ein Vater-Sohn-Duo gefunden, das sämtliche Anforderungen erfüllt.
«Die Weite des Wassers hat einen beruhigenden und auch klärenden Effekt, der den Geist beruhigt und die Gedanken sortiert.»
Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi
Vater Gianpietro Cerletti bringt als Segellehrer und Instruktor mehrere Jahrzehnte an Segelerfahrung mit. Der 61-Jährige ist Naturwissenschaftler und Lehrer an der Kantonsschule in Zug und dort seit vielen Jahren für den schuleigenen Beratungsdienst als Schülerberater tätig – als Anlaufstelle für Schülerinnen und Schüler bei Schwierigkeiten verschiedenster Art. Da er sich derzeit von einer Handoperation erholt, steht sein Sohn Lino – das mittlere von drei erwachsenen Kindern – als Skipper im Einsatz.
Lino ist 33-jährig und segelt seit seiner Kindheit. Er hat einen Master-Abschluss in Exercise & Health an der Universität Basel sowie eine Weiterbildung zum Personal Health Coach absolviert. Ausserdem bringt er langjährige Erfahrung im Unterrichten und Coachen verschiedenster Sportarten und Altersgruppen mit. Daneben organisiert er Ausflüge und Trainings in der Natur, die auf individuelle Bedürfnisse, Möglichkeiten und Ziele abgestimmt sind.
Die bisherigen Segelausflüge haben sowohl Vater als auch Sohn viel Spass bereitet – und dasselbe gilt auch für die Teilnehmerinnen. «Wir haben von allen Seiten nur positive Rückmeldungen erhalten», sagt Gianpietro Cerletti. Die Motivation der Patientinnen sei gross, was die Ausflüge besonders wertvoll mache.
Segeltherapie
Seit April wird das therapeutische Segeln an zwei Nachmittagen pro Monat durchgeführt.
Segeln verändert die Perspektive
Auf einem Segelboot ist man im Hier und Jetzt und immer aktiv dabei. Der Skipper integriert die Segelteilnehmerinnen in die Teamdynamik. Sie dürfen auch das Steuer übernehmen, beim Segelhissen helfen oder andere Aufgaben an Bord übernehmen. «Man darf auch während der Fahrt die Aufgaben tauschen», sagt Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi. Aber: «Es geht nicht um einen Leistungswettbewerb, sondern um ein Teamerlebnis.» Dies alles fördere die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen in die Gruppe enorm.
Segeln ist nicht nur Sport, sondern bringt auch einen Perspektivenwechsel mit sich. «Vom See aus sieht man die Welt von einer anderen, bisher vielleicht eher ungewohnten Perspektive. Die Weite des Wassers hat einen beruhigenden und auch klärenden Effekt, der den Geist beruhigt und die Gedanken sortiert», so die Chefärztin. Ebenso ermögliche der Segeltörn andere Sichtweisen auf viele Aspekte des Lebens – auch im übertragenen Sinne.
Und zeigt die Segeltherapie bei den Teilnehmerinnen bereits erste Erfolge? Das Echo sei zumindest durchwegs sehr positiv ausgefallen, sagt Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi dazu. «Die Patientinnen hatten eine deutliche Stimmungsaufhellung und Aktivierung erlebt, die über das Segeln hinaus andauerte.» Manchmal braucht es eben eine frische Brise, um den Kurs wieder in Richtung Zuversicht auszurichten.
Text Alexander Lanner
Fotos Daniel Brühlmann
Erstellt 11.06.2026