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Körperbild und Psyche

Vom Schönheitsideal zum Schönheitswahn

Wenn vermeintliche Makel am Körper das gesamte Denken und Handeln beherrschen, kann dies zu psychischen Belastungen führen. Besonders junge Frauen sind gefährdet, an einer körperdysmorphen Störung – der verzerrten Wahrnehmung des eigenen Äusseren – zu erkranken.

Der Wunsch nach körperlicher Veränderung gehört heute für viele Menschen zum Alltag. Die plastische Chirurgie ermöglicht sinnvolle Eingriffe – beispielsweise nach einer Brustamputation, nach schweren Verletzungen oder bei angeborenen Fehlbildungen. Rekonstruktive Operationen können wesentlich dazu beitragen, das Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen und die Lebensqualität sowie das Selbstwertgefühl zu stärken.

Parallel dazu hat sich jedoch ein gesellschaftlicher Trend zur stetigen Selbstoptimierung entwickelt. Soziale Medien, digitale Bildfilter und idealisierte Schönheitsnormen vermitteln insbesondere jungen Frauen häufig ein unerreichbares Bild körperlicher Perfektion. Dr. med. Dorrit Winterholer, Fachärztin für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, hat in ihrem Fachvortrag im Rahmen einer Meissenberg-Reihe die Möglichkeiten und die Grenzen der modernen Schönheitsmedizin beleuchtet. Denn der Wunsch nach einer ästhetischen Veränderung ist verständlich und die Grenze zu einer psychischen Erkrankung oft nicht eindeutig.

Körperdysmorphe Störung und exzessive Spiegelkontrollen

Eine Erkrankung, die in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung erhält, ist die körperdysmorphe Störung – kurz KDS oder englisch Body Dysmorphic Disorder (BDD). Obwohl sie sehr häufig auftritt, wird diese Zwangsspektrum-Erkrankung noch immer zu selten erkannt. Betroffene beschäftigen sich mehrere Stunden pro Tag mit vermeintlichen körperlichen Makeln, die für andere Menschen oft gar nicht sichtbar sind. Die Betroffenen nehmen ihr Aussehen nicht objektiv wahr, sondern richten ihre ganze Aufmerksamkeit nahezu ausschliesslich auf einzelne Körperregionen – bei Frauen besonders oft Haut, Haare, Nase, Brust, Hüften oder Gesäss.

Diese Körperstellen erleben sie als «entstellt», «asymmetrisch» oder «inakzeptabel». Deshalb zählen zu den typischen Symptomen auch wiederholte Foto- und Videoaufnahmen zur Selbstkontrolle oder der permanente Vergleich mit anderen Menschen. Auch kaschieren sie ihre vermeintlichen Makel durch Kleidung oder Make-up, holen häufig Rückversicherungen ein oder empfinden ausgeprägte Scham- und Minderwertigkeitsgefühle.

Nicht jeder Wunsch nach einer ästhetischen Veränderung ist Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Folgende Warnzeichen können jedoch auf eine körperdysmorphe Störung hinweisen:

  • Sie beschäftigen sich täglich über längere Zeit mit einem oder mehreren vermeintlichen Makeln Ihres Aussehens.

  • Andere Menschen können diese Makel kaum oder gar nicht erkennen.

  • Sie kontrollieren Ihr Aussehen häufig im Spiegel oder vermeiden Spiegel vollständig.

  • Sie vergleichen sich ständig mit anderen Menschen oder bearbeiten Fotos regelmässig mit Filtern.

  • Sie vermeiden soziale Kontakte, Partnerschaften oder berufliche Situationen aus Scham über Ihr Aussehen.

  • Sie denken wiederholt über kosmetische Eingriffe nach oder haben bereits mehrere ästhetische Behandlungen durchführen lassen, ohne dauerhaft zufriedener geworden zu sein.

  • Ihr Leidensdruck beeinträchtigt Ihre Lebensqualität, Ihr Selbstwertgefühl oder Ihren Alltag erheblich. 


Treffen mehrere Punkte auf Sie zu, kann ein unverbindliches psychiatrisch-psychotherapeutisches Gespräch sinnvoll sein. Eine körperdysmorphe Störung ist eine behandelbare Erkrankung – je früher sie erkannt wird, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten.

Der Leidensdruck wird dadurch immer grösser und schränkt den Alltag oft massiv ein. Berufliche Leistungsfähigkeit, soziale Kontakte und Partnerschaften können erheblich beeinträchtigt sein.

Junge Frauen sind besonders gefährdet

Die Erkrankung beginnt sehr früh, meist bereits zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr. In dieser Lebensphase entwickeln sich Identität und Körperbild besonders stark. Soziale Medien können den Druck zusätzlich verstärken. Digitale Filter und Bildbearbeitung zeigen oft unrealistische Schönheitsideale. Der ständige Vergleich mit perfekt inszenierten Fotos kann dazu führen, dass Betroffene ihr eigenes Aussehen immer kritischer sehen. Dieses Phänomen ist mittlerweile als «Snapchat Dysmorphia» bekannt.

Die Folge: Betroffene verbringen oft mehrere Stunden pro Tag mit Spiegelkontrollen, überprüfen mit Selfies immer wieder ihr Aussehen oder retuschieren ihre Bilder. Dadurch geraten sie in einen Kreislauf aus Selbstkritik und wachsender Unsicherheit.

Mehr als ein kosmetisches Problem

Die körperdysmorphe Störung tritt selten allein auf. Rund drei Viertel der Betroffenen entwickeln zusätzlich eine depressive Erkrankung. Oft bestehen zudem Angst-, Ess- oder Persönlichkeitsstörungen. Und um den Leidensdruck zu senken, kann der Konsum von Alkohol, Drogen oder anderen psychoaktiven Substanzen ebenfalls ausser Kontrolle geraten. Überdurchschnittlich häufig werden auch ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen beobachtet. Suizidgedanken und ein erhöhtes Suizidrisiko sind ebenfalls oft mit der Erkrankung verbunden.

Fachbeitrag «Vom Schönheitsideal zum Schönheitswahn»

Hier finden Sie den vollständigen Fachartikel zum Thema «Vom Schönheitsideal zum Schönheitswahn».

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Viele Patientinnen berichten, dass sich ihre Beschwerden in den Tagen vor der Menstruation verschlimmern. Hormonelle Veränderungen können die belastenden Gedanken und das ständige Kontrollieren verstärken. Besteht zusätzlich eine Essstörung, kann dies die Behandlung erschweren. Deshalb sollten beide Erkrankungen gemeinsam behandelt werden.

Operationen verstärken häufig das Leiden

Etwa 2 Prozent der gesamten Bevölkerung leiden an einer körperdysmorphen Störung. Bei Patientinnen und Patienten von plastisch-chirurgischen Einrichtungen liegt der Anteil hingegen bei bis zu 20 Prozent. Bei psychisch gesunden Menschen können rekonstruktive oder ästhetische Eingriffe durchaus sinnvoll sein. Bei Patientinnen mit körperdysmorpher Störung zeigen Studien jedoch, dass sie zwanghaft nach ästhetischen Behandlungsmöglichkeiten recherchieren oder wiederholt Dermatologen, Zahnärzte oder plastische Chirurgen konsultieren. 
 

Ästhetische Eingriffe, Arztwechsel und zunehmende psychosoziale Beeinträchtigung wiederholen sich. Nicht wenige Patientinnen entwickeln eine regelrechte «Operationskarriere.

Nach einer Operation sind Betroffe nur kurzfristig erleichtert. Dies bestätigt unbewusst ihre zugrunde liegende Überzeugung: «Mit meinem Körper stimmt wirklich etwas nicht.» Aus psychologischer Sicht handelt es sich um einen klassischen Mechanismus der negativen Verstärkung: Auf den Eingriff folgt die Fokussierung auf einen anderen vermeintlichen Makel, auf die Unzufriedenheit folgt der Wunsch nach weiteren kosmetischen Eingriffen – ein Teufelskreis. Ästhetische Eingriffe, Arztwechsel und zunehmende psychosoziale Beeinträchtigung wiederholen sich. Nicht wenige Patientinnen entwickeln eine regelrechte «Operationskarriere».

Psychotherapeutischer und medikamentöser Ansatz

Die Therapie der ersten Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie. Zentral dabei sind das Erkennen und Verändern negativer Denkmuster sowie das bewusste Aushalten belastender Situationen. Ausserdem sollten die Kontrollrituale vor dem Spiegel reduziert, dafür eine realistische Körperwahrnehmung gefördert werden.

Die Therapie soll Betroffenen helfen, besser mit belastenden Gefühlen umzugehen sowie Scham und sozialen Rückzug abzubauen. Gleichzeitig wird erklärt, dass kosmetische Eingriffe die körperdysmorphe Störung nicht beheben, sondern die Beschwerden sogar noch verstärken. Leiden Patientinnen zusätzlich an einem Trauma, ist oft ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich.

Bei der medikamentösen Behandlung wird in erster Linie versucht, die Wirkung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn zu verstärken. Dadurch können belastende Gedanken, Ängste und zwanghafte Verhaltensweisen verringert werden. Ähnlich wie bei der Behandlung von Zwangsstörungen sind häufig höhere Dosierungen erforderlich. Spricht die betroffene Person nicht ausreichend darauf an oder liegt eine wahnhafte Ausprägung vor, können weitere Medikamente eingesetzt werden.

Die körperdysmorphe Störung stellt eine ernst zu nehmende psychiatrische Erkrankung dar. Bei Betroffenen ist der Leidensdruck gross, das Suizidrisiko erhöht. Gleichzeitig ist die Erkrankung gut behandelbar, wenn sie frühzeitig erkannt wird.

Die Frauenklinik Meissenberg behandelt körperdysmorphe Störungen im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts. Dabei werden neben den psychologischen und sozialen Einflussfaktoren auch frauenspezifische Aspekte berücksichtigt, wie hormonelle Lebensphasen, zusätzliche Erkrankungen – beispielsweise Essstörungen, Depressionen oder Angststörungen – sowie die persönliche Lebenssituation. Das Ziel ist, gemeinsam mit den Patientinnen wieder einen wertschätzenden und realistischen Blick auf den eigenen Körper zu entwickeln.

Bedeutung für die klinische Praxis

Bei Hausärztinnen und Hausärzten sowie Fachpersonen aus Dermatologie, plastischer Chirurgie und Psychotherapie spielt die körperdysmorphe Störung in der Praxis eine wichtige Rolle. Wiederholte ästhetische Konsultationen, unrealistische Erwartungen an kosmetische Eingriffe oder eine auffallende Fokussierung auf vermeintliche körperliche Makel sollten Anlass geben, an eine körperdysmorphe Störung zu denken.

Es gilt aber: Nicht jede Frau mit dem Wunsch nach einer ästhetischen Veränderung leidet an einer psychiatrischen Erkrankung. Entscheidend sind das Ausmass des Leidensdrucks, die Einschränkung im Alltag sowie der zwanghafte Charakter der gedanklichen Beschäftigung.

Fazit

Die körperdysmorphe Störung stellt eine ernst zu nehmende psychiatrische Erkrankung dar. Bei Betroffenen ist der Leidensdruck gross, das Suizidrisiko erhöht. Gleichzeitig ist die Erkrankung gut behandelbar, wenn sie frühzeitig erkannt wird. Dadurch kann man unnötige kosmetische Eingriffe verhindern und den Weg zu einer wirksamen Behandlung ebnen. Gerade in einer Zeit von Selbstoptimierung und Schönheitsidealen in den sozialen Medien sind eine sorgfältige Diagnose und die enge Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie, Dermatologie und plastischer Chirurgie besonders wichtig.
 

Text Dr. med. Kamila Dudová-Nakazi
Illustration Celine Endras
Erstellt 20. August 2026